"Was sucht Ihr? Sagt! Und was erwartet Ihr?"
"Ich weiß es nicht; ich will das Unbekannte!
Was mir bekannt ist unbegrenzt. Ich will
Darüber noch. Mir fehlt das letzte Wort."

Dieses "Faustische" Einleitungszitat des 1907 erschienen "Entwurfs einer neuen Ästhetik der Tonkunst" 01) widerspiegelt Busonis Wesen, sein künstlerisches Selbstverständnis, seine intellektuelle Dimension in ihrer ganzen Größe und in ihrer ganzen Tragik. Es ist dem Libretto "Der mächtige Zauberer" entnommen, welches Busoni im Jahre 1905 verfaßte.
Im ersten Teil dieser "Ästhetik" setzt sich Busoni mit dem Problem von sogenannter "absoluter" Musik und Programmusik auseinander. Ihm widerstrebt der Formgedanke der absoluten Musik und er schreibt dazu:

"Aber gerade die Form steht der absoluten Musik entgegengesetzt; die doch den göttlichen Vorzug erhielt, zu schweben und von den Bedingungen der Materie frei zu sein. Auf dem Bilde endet die Darstellung eines Sonnenunterganges mit dem Rahmen; die einmal gewählte Zeichnung der Wolke steht für immer unveränderlich da. Die Musik kann sich erhellen, sich verdunkeln, sich verschieben und endlich verhauchen wie die Himmelsrichtungen selbst, und der Instinkt bestimmt den schaffenden Musiker, diejenigen Töne zu verwenden, die in dem Inneren des Menschen auf dieselbe Taste drücken und denselben Widerhall erwecken, wie die Vorgänge in der Natur." (S. 13)

Busoni wurde seinerzeit mit seinen Äußerungen dahingehend mißverstanden, als verneine er die Form in der Musik an sich. 02)
In seinem "offenen Brief an Hans Pfitzner" schreibt er: "Ich bin ein Anbeter der Form!" Er fordert lediglich, daß "jede Idee ihre eigene Form sich selbst bilde." Wenn Busoni also eine Fuge schreibt, und das vorliegende Werk ist zum großen Teil eine solche, muß er gewissermaßen die Form der Fuge überwinden, um seinen ästhetischen Forderungen gerecht zu werden. Die Untersuchung dieser Problematik und die Untersuchung der Stellung Busonis zwischen Romantik und Moderne werden die hauptsächlichen Aufgaben dieser Arbeit sein.
 

1.2. Die Situation der Musik um das Jahr 1910
 

1. Das Ende der Romantik und die Sackgasse der Tonalität
Schon mit Wagners 1865 komponierten "Tristan" kündigte sich ein Zustand an, der im Jahre 1910 endgültig erreicht war: die Harmonik war vollkommen chromatisiert und damit an der Grenze ihrer Ausdrucksfähigkeit. So schrieb Richard Strauß nach seiner expressionistischen "Elektra" (1909) einen weitaus harmloseren "Rosenkavalier" (1911). Auch Max Reger überwindet die Tonalität nicht und kehrt zu alten Formen zurück. So schreibt z.B. Walter Gieseler:

"In Max Regers 'Phantasie und Fuge über B-A-C-H' für Orgel (op. 46) von 1900 wird über das Vorbild Brahms hinweg ... das große Vorbild J.S.Bach deutlich. Man weiß nicht, ob die chromatischen Alterationen die Akkorde nach sich ziehen oder ob die Akkorde auch bei fremdartigen Klangverbindungen das polyphone Gefüge einschnüren. ... Die Tonalität erscheint nur als Fiktion; sie hängt nur äußerlich noch daran, daß andauernd Dreiklänge gebraucht werden, während doch die Kadenzlogik der Funktionsharmonik entschwindet. Es scheint, als sei für Reger der Name Bach hier nur angestrengte Versicherung, daß die traditionelle Harmonik wirklich noch in Ordnung sei...." 03)

Gustav Mahler, der die Form der Sinfonie an ihre Grenze geführt und den Orchesterapparat zu unermeßlicher Größe ausgebaut hat (8. "Sinfonie der Tausend" 1907), hinterläßt mit seiner 9. ein Testament, welches nach Leonard Bernsteins Deutung nicht nur "den sinfonischen Bogen, der mit Haydn und Mozart begonnen hatte" beendet, sondern gleichzeitig das 20. Jahrhundert als ein "Jahrhundert des Todes" prophezeit. 04) Für dieses Jahrhundert mußte somit eine ganz neue Tonsprache entstehen mit Ausdrucksmöglichkeiten, die der Veränderung der Welt gerecht wurden.
 

2. Die Blüte des Impressionismus
Gleichsam auf der "Tristan"-Harmonik basierend war in Frankreich eine Musikrichtung entstanden, die sich völlig von der deutschen abhob: Der Impressionismus mit seinen Hauptvertretern Claude Debussy und Maurice Ravel. Entsprechend der Malerei, der dieser Begriff entlehnt ist, wird in diesem Kompositionsstil ein äußerer Eindruck durch Klänge in seiner subjektiven Wirklichkeit wiedergegeben. Durch die als "Farben" eingesetzten modalen, pentatonischen und chromatischen Skalen und Akkordverbindungen verschleiert sich das tonale Zentrum. Im Gegensatz zu Debussys vollkommener "Immaterialität" zeigt sich Ravels Musik wesentlich strukturierter (z.B. Sonatine 1905).
Busoni, der sich für zeitgenössische Musik sehr einsetzte 05), sie aber nie in seinen Klavierabenden spielte, schreibt über Debussy:

"Debussys Kunst fördert seine persönliche, scharf begrenzte Empfindung -aus seinem Gemüt- in die Außenwelt: ich bemühe mich, aus dem Unendlichen, das den Menschen umgibt, zu schöpfen und gestaltet zurückzugeben. Die Kunst Debussys bedeutet eine Einschränkung, die aus dem Alphabet manchen Buchstaben streicht und nach dem Beispiel scholastischer-poetischer Spiele, Gedichte mit Auslassung des A und des R konstruiert..... Bei Debussy sehen wir den Dominant-Nonenakkord als harmonische Grundlage, den Ganzton als Prinzip der Melodie, ohne daß die beiden sich verschmelzen; ich versuche jedes System zu vermeiden, Harmonie und Melodie zur unauflösbaren Einheit zu gießen. Er unterscheidet Konsonanz und Dissonanz; ich lehre diesen Unterschied zu leugnen ...; denn ich fühle mich als Anfänger - und Debussy ist ein Abgeschlossener." 06)

Auch wenn der Impressionismus die Tore für die Moderne (z.B. eines Stravinsky oder Boulez) öffnete, so entspricht er doch in seiner Denkstruktur nicht dem 20. Jahrhundert und bietet keinerlei wegweisende Stellungnahme zur Situation der Tonalität.

3. Wege zur Neuen Musik
a) durch freie Atonalität
Das 20. Jahrhundert stellt gegenüber dem 19. eine ganz neue Dimension dar. Es ist ein Jahrhundert der Gegensätze. Nutzen und Schrecken der modernen Technik beherrschen das Denken. Der einzelne Mensch befindet sich in einer neuen Verantwortlichkeit gegenüber der Umwelt. Neue ästhetische und ethische Grundsätze sind somit zu formulieren. Das erste Jahrzehnt dieses Jahrhunderts befindet sich in einer Umbruchstimmung: Sigmund Freud entwickelt die Psychoanalyse, Albert Einstein gibt Schriften über die spezielle Relativitäts- und die Quantentheorie heraus, bildende Künstler schließen sich zu avantgardistischen Gruppen zusammen.
Es ist offensichtlich, daß Musiker mit den geistigen Perspektiven der Romantik die Vielschichtigkeit des 20. Jahrhunderts nicht zum Ausdruck bringen können.
Arnold Schönberg, geboren 1874 in Wien, war der führende Kopf einer neuen intellektuellen Musikrichtung. Nachdem er zuerst mit Stücken wie den "Gurre-Liedern" (1900) der Mahler-Tradition gefolgt war, besann er sich 1909 mit seinen 3 Klavierstücken op. 11 07) auf einen völlig neuen Ausdrucksstil, den sogenannten "Expressionismus". Die "2. Wiener Schule", der auch Alban Berg (geb. 1885) und Anton von Webern (geb. 1883) angehörten, steigerte ihre Ausdrucksmöglichkeit, indem sie den Orchesterapparat, wie auch die musikalische Form weitgehend verdichteten. Den Tönen lag kein tonales Zentrum mehr zugrunde. Diese "Freie Atonalität" war die Basis für die mehr als zehn Jahre später entstehende Zwölftonmusik.
Über Schönberg äußert sich Busoni in einem Aufsatz über "die neue Harmonik" 08):

"Ein Viertes [neues harmonisches Gebäude] wäre die Anarchie, ein willkürliches Neben- und Übereinanderstellen von Intervallen, nach Laune und Geschmack. (Arnold Schönberg versucht's; beginnt aber auch, sich im Kreise zu drehen.)"

b) durch Einbeziehung folkloristischer Elemente
Die Hauptvertreter dieser sich später zum Neoklassizismus entwickelnden Richtung sind Igor Stravinsky (geb. 1882) und Bela Bartok (geb. 1881). Stavinsky war zeitlebens der Antipode Arnold Schönbergs. Durch die Verwendung von der russischen Folklore entliehenen rhythmischen Elemente und modalen Tonreihen, versuchte er in seiner 1. Schaffensperiode (-1920) eine spezifisch russische Musik zu schaffen, anlehnend an die Versuche des "mächtigen Häufleins" um Modest Mussorgsky. Ähnlich verfahrend ergründet Bartok neue harmonische Bereiche durch eine systematische Erforschung der ungarischen Volksmusik. Die Musik beider Komponisten zeichnet sich durch eine scharfe Rhythmik und bi- zum Teil sogar poly-tonale Überlagerungen aus. Sie vollziehen jedoch nicht einen Bruch, wie es Schönberg tat, so schreiben sie wichtige großformal angelegte Stücke, wie den "Feuervogel" oder "Petruschka" (Stravinsky 1910/1911) und "Herzog Blaubarts Burg" (Bartok 1911). Beide stehen im Januar 1910 noch am Anfang ihrer Entwicklung und haben der Neuen Musik noch keine Zukunftsperspektive angeboten.
Eine Außenseiterrolle nimmt Alexander Skrjabin (geb. 1872) ein. Zu Unrecht wird er oft als "Impressionist" eingestuft. Sein Weg führt unabhängig von der Entwicklung der restlichen Musikwelt 1911 zu seriellen Kompositionstechniken. 09) Auch wenn seine Idee der "Evolution des menschlichen Geistes" nicht den Geist der Jahrhundertwende repräsentiert, so zeigt er doch die für einen Komponisten dieses Jahrhunderts geforderte Intellektualität. Wie auch Busoni, ist es ihm versagt, Schule zu machen, und erst in den letzten zehn Jahren wurde ihm eine Wiederentdeckung zuteil.

1.3. Busonis Werke bis 1910
 

  • 1.3.1. Kindheit und Jugendzeit
     

 

Ferruccio Busoni wurde am 1.4.1866 in Empoli (Toscana) als Sohn eines Klarinettisten und einer Pianistin geboren. Nach seinem ersten öffentlichen Konzert im November 1873 stellt der Vater ihn zehnjährig dem Wiener Publikum als Pianist, Komponist und Improvisator vor. Eduard Hanslick bemerkt dazu in der "Neuen freien Presse" vom 13.2.1876:

"[Die sechs kurzen Klavierstücke] offenbaren denselben gesunden Musiksinn, der uns in seinem Spiel erfreute; keine frühreife Sentimentalität oder gesuchte Bizarrerie, sondern naive Freude am Tonspiel, an lebensfroher Figuration und kleinen kombinatorischen Künsten. Nichts Opernhaftes oder Tanzmäßiges, vielmehr ein merkwürdig ernster, männlicher Sinn, welcher auf liebevolles Studium Bachs hinweist."

Schon hier also zeigt sich Busonis Vorliebe für polyphone, kontrapunktische Musik. Er selbst erklärt dies ein Jahr vor seinem Tod im Jahre 1924 in dem Schlußwort seiner Bachausgabe: "Ich habe meinem Vater für das gute Schicksal zu danken, daß er mich in meiner Kindheit streng zum Studium Bachs anhielt, und das zu einer Zeit und in einem Lande, wo der Meister um wenig höher geschätzt wurde als ein Carl Czerny." Den einzig ernstzunehmenden Kompositionsunterricht erhielt er allerdings, nach anfänglichen Studien bei seiner Mutter, von Dr. Wilhelm Mayer, in den Jahren 1880/81 in Graz.

Die Ordnung seiner Opuszahlen ist derart kompliziert, daß Busoni sich genötigt sah, eigene Erklärungen dazu zu veröffentlichen. 10)
Seine selbstkritische Haltung veranlaßte ihn, von Jugendwerken belegte Opuszahlen durch reifere Werke doppelt zu besetzen. Unter seinen bis 1906 geschriebenen Werken befinden sich Lieder, Kammermusik, Solokonzerte, Orchester- und natürlich vor allem Klavierstücke.
Zu den bedeutenderen Werken dieser Gattung zählen unter anderem eine 1883 geschriebene Sonate bombastischen Ausmaßes 11), Variationen über das Prélude op. 28.20 in c-moll von Frederik Chopin mit abschließender Fuge op. 22 (1884) und das 1903/04 entstandene Klavierkonzert op. 39. Andererseits findet sich in seinem Werk eine große Zahl kontrapunktischer Arbeiten. Heinz Meyer schreibt im Zusammenhang mit den zwischen 1875 und 1878 entstandenen Fugen:

"Mit kontrapunktischen Begriffen assoziiert [Busoni] in erster Linie bestimmte Klangvorstellungen, nicht aber formale Verbindlichkeiten; denn so unvollkommen diese frühen Arbeiten auch sein mögen, das barocke Klangbild ist deutlich erkennbar ... diese Einstellung ist keineswegs so naiv, wie sie zunächst anmuten mag; sie bestimmt, ... Busonis Verhältnis auch dann noch, als er das Artifizielle längst beherrscht. Bis in seine Reifezeit hinein dominiert stets das klangsinnliche Moment über die formale Strenge." 12)

So finden sich also schon in Busonis Jugendjahren erste Hinweise auf das, in dem 1916 erschienenen, überarbeiteten "Entwurf einer neuen Ästhetik der Tonkunst" geforderte Prinzip der "Polyphonen Harmonik", welches in Kapitel 1.4 näher zu erläutern ist.

  • 1.3.2. Nach der Wendung
     

 

Busoni selbst deutet in einem Brief im Jahre 1906 seine "dritte Periode" (nach seiner Kindheit und Jugendzeit) an. 13) Zur selben Zeit entsteht seine "Ästhetik" in ihrer ersten Fassung, der ja auch ein Zitat aus dem "mächtigen Zauberer" vorangestellt ist. Die darin vorgebrachten Ideen und Forderungen über Tonsysteme, Pausen oder Notationssysteme gehen weit über Busonis eigenes Schaffen und das Denken seiner Zeit hinaus. Direkt auf ihn und die "Fantasia Contrappuntistica" bezogen aber haben folgende Sätze große Bedeutung:

"Die Aufgabe des Schaffenden besteht darin, Gesetze aufzustellen, und nicht, Gesetzen zu folgen. Wer gegebenen Gesetzen folgt, hört auf, ein Schaffender zu sein.... Der echt Schaffende erstrebt im Grunde nur die Vollendung. Und in dem er diese mit seiner Individualität in Einklang bringt, entsteht absichtslos ein neues Gesetz." 14)

Gleichzeitig behauptet er: "Mein ganz persönliches Gesicht habe ich aber endlich und erst in den 'Elegien'aufgesetzt."
Besagte "Elegien" komponierte Busoni im Jahre 1907. Der ursprüngliche Titel sollte "Nach der Wendung - Fünf neue Clavierstücke" lauten. 15) Später erschienen sie dann unter dem Titel "Elegien - Sieben neue Klavierstücke" bei Breitkopf, wobei das erste Stück den Titel "Nach der Wendung" behielt.
Meyer relativiert zu Recht das Ausmaß dieser Wendung:

"...ist die Kluft zwischen den Elegien und dem vorherigen Schaffen auch noch so groß, wie es nach dem oben zitierten Ausspruch Busonis scheinen mag; ein großer Teil der Stücke greift nämlich auf bereits vorhandene Werke zurück und stellt die genealogische Verbindung von selbst her: Nr. 2 ist ein Nachtrag zum vierten Satz des Concerto op. 39, Nr. 4 und Nr. 5 sind Bearbeitungen aus der Turandotmusik (komp. 1906), Nr. 6 ist eine Studie zur Oper 'Die Brautwahl', mit der er im gleichen Jahr beschäftigt war ....." 16)

Dennoch hat es einen Umbruch in Busonis Werken gegeben. Bis in das Entstehungsjahr der "Fantasia Contrappuntistica" 1910 schreibt er ausschließlich Klavierstücke und nur in kleinen Formen: "An die Jugend", "Nuit de Noel", eine "Fantasia nach Bach" und die erste Sonatine. Auch in seinem Klavierspiel hat es eine entscheidende Änderung gegeben. Er schreibt in einem (unveröffentlichten) Brief: "... ich spiele fast gar nicht mehr mit den Händen ..."
Herbert Kosnick hat ein ganzes Buch 17) diesem Thema gewidmet, worin er die anatomisch-physiologischen Voraussetzungen als eine "Untrennbarkeit von seelisch-geistiger und körperlicher Haltung" 18) in Busonis spätem Klavierstil beschreibt.

1.4. Amerika und die Idee der Gotik
 

Auf einer Amerika-Tournee lernt Busoni 1910 die beiden deutschstämmigen Musiktheoretiker Bernhard Ziehn (1845-1912) und dessen Schüler, den Widmungsträger der "Fantasia Contrappuntistica", Wilhelm Middelschulte (1863-1943), kennen.
In seinem für die Zeitschrift "Signale" verfaßten Aufsatz "Die 'Gotiker' von Chicago" 19) schreibt er:

"Während um sie herum steinerne Würfel von über 20 Stockwerken errichtet werden, welche das 20. Jahrhundert einer neuen Welt repräsentieren, das Jahrhundert der mechanischen 'Supplementarmächte' in der Welt der Unabhängigkeit durch das Kapital; während diese schmucklosen Symbole eines ausgleichenden Gedankens immer rascher und dichter in solche Höhen treiben, zu deren Anschauen unsere Genickwirbel noch nicht ausgebildet sind, sitzen in ernster Stille und in demselben Chicago zwei Männer und pflegen - den Blick nach innen gerichtet - eine niemals 'ausgewanderte' Kunst, die auserlesenste Blüte menschlichen Geistes, jene Kunst, in der sich die

Freude am Zierlichen mit der Möglichkeit zum Mächtigen, das Gefühl mit der Fantasie, die strenge Berechnung mit dem mystischen Glauben zusammenfinden: die Kunst der Gotik."

Die Idee der Gotik definiert er folgendermaßen: "Alles ist sinnreich geordnet und im reichsten Gewirre rein gegliedert. Eines trägt das Andere, das Höchste entzweigt sich ganz organisch aus dem Tiefsten; alles Einzelne zum Ganzen nötig." Und als Abschluß dieses Artikels schreibt er: "Das sind die gotischen Meister aus Chicago, die eine kostbare, wenn auch nicht ganz lebendige Kunst in ernster Stille üben. Die ganz lebendige möge aus dieser schöpfen und sich an ihr bereichern."
Busoni beschreibt desweiteren den Versuch dieser beiden Männer, diese Kunst der Gotik durch "eine große, neue Harmonik, die durch rücksichtslos-logische Intervallführung der einzelnen Stimmen diese voneinander unabhängig macht namentlich an den Punkten, wo sie zusammentreffen, auch eigenartige Akkorde entstehen läßt", wieder lebendig zu machen.

Bernhard Ziehn hatte - gleichzeitig mit Hugo Riemann - die Überzeugung gewonnen, daß Bachs unvollendete Schlußfuge aus der "Kunst der Fuge" als Quadrupelfuge konzipiert sei und das fehlende vierte Subjekt das Hauptthema aus dem Contrapunctus I sei. 20) In einem anderen Ausschnitt aus oben zitiertem Text spürt man förmlich, wie Busoni von der Begeisterung seiner beiden "Amerikanischen" Freunde angesteckt wurde:

"Man denke sich das Thema BACH umtransponiert! - über einem Passacaglia-Baß in Fis-dur ... - man vergegenwärtige sich diese kontinuierenden Bässe, Figurationen, Themata und Repliken, wie sie sich neiden, ineinandergreifen, kreuzen und so fortwährend wechselnde, notwendig entstehende Akkordkombinationen bilden." 21)  


01) Vorliegende Ausgabe: Ferruccio Busoni, Entwurf einer neuen Ästhetik der Tonkunst, Hamburg 1973

02) vgl. Hans Pfitzner "Futuristengefahr", Zürich, Juni 1917

03) Walter Gieseler, Komposition im 20. Jahrhundert, Celle 1975, S. 15

04) Leonard Bernstein, Musik - die offene Frage, 1985, München, S. 302ff.

05) Er organisierte z.B. in dem Zeitraum von 1902 bis 1909 zwölf Orchesterkonzerte, die er z.T. selbst leitete mit Werken u.a. von Elgar, Sinding, Sibelius, Ysaye, Schenker, Debussy, Pfitzner(!), Fauré und Bartok.

06) "Selbst-Rezension", Berlin, Februar 1912

07) Busoni bearbeitete Schönbergs Klavierstück op. 11,2 noch im Jahre 1909 und gab es als "Konzertmäßige Interpretation" heraus

08) Chicago, Januar 1911

09) Dietrich Mast, Struktur und Form bei Alexander Skrjabin, München-Gräfelfing 1981, S.198

10) Chicago, Januar 1911

11) "Bemerkungen über die Reihenfolge der Opuszahlen meiner Werke", Berlin, April 1908

12) Erstveröffentlichung als op. 20a, 1982 bei Breitkopf

13) Heinz Meyer: Die Klaviermusik Ferruccio Busonis - Eine stilkritische Untersuchung, Wolfenbüttel und Zürich 1969

14) "Ästhetik", S. 30/31

15) "Bemerkungen über die Reihenfolge der Opuszahlen meiner Werke", s.o.

16) vgl. H. Meyer, s.o., S. 121

17) Herbert von Kosnick, Gestaltung durch Gestalt, Regensburg 1971

18) H.H. Stuckenschmidt, Ferruccio Busoni - Zeittafel eines Europäers, Zürich und Freiburg 1967

19) New York, Januar 1910

20) vgl. H. Meyer, s.o., S. 168

21) "Die 'Gotiker' von Chicago", s.o.