|
2. Analyse der "Fantasia contrappuntistica" 2.1.1 Die vier Fassungen 22) Noch in Amerika schrieb Busoni seine Zwei Jahre später gab Busoni eine "kleine Ausgabe" ebenfalls bei Breitkopf heraus: Diese Arbeit beschränkt sich ausschließlich auf die von Busoni selbst als "edizione definitiva" bezeichnete zweite Fassung. 2.1.2 Die Gliederung Klar erkennt man in dieser bildlichen Darstellung die angestrebte Dreiteilung des Werkes. Den Fugen I-III liegt gleichgewichtig die IV. gegenüber, während die Variationen des Intermezzos gewissermaßen den Mittelpunkt bilden. 2.2.1 Choralvorspiel 1. Nachdem Busoni seinen ursprünglichen Plan, der ersten Fassung eine "Fantasie vorauszuschicken", verworfen hatte 17), griff er diese Idee für seine 2. Ausgabe (und auch die folgenden) wieder auf. Er stellt
den Fugen I-III eine neu bearbeitete Fassung seiner 3. Elegie "Meine Seele bangt und hofft zu Dir", allerdings mit der Textzeile "Allein Gott in der Höh' sei Ehr'", voran. 23)
Der Choral erscheint während des gesamten Vorspiels niemals vollständig. Die 1. und 2. Choralzeile werden im Zusammenhang in T 24-31, 53-59 sowie, in stark variierter Form, in T 104-109 verwendet, die 3. und 4. Choralzeile in T 148-162. Auf ein Zitat in der 5. Zeile verzichtet Busoni ganz. Ansonsten benutzt Busoni sogar fast ausschließlich motivisches Material der 1. Zeile. 2. Der Vergleich des Choralvorspiels mit den übrigen Formteilen des Werks erscheint hinsichtlich der motivischen Verarbeitung problematisch. Schließlich ist die 3. Elegie als eigenständige Komposition
bereits Jahre zuvor ohne den Gedanken einer Wiederverwendung entstanden. Die bei der Neubearbeitung entstandenen Veränderungen deuten auch in keiner Weise auf eine motivische Umarbeitung aufgrund der nachfolgenden Fugen hin.
So wird durch Vertauschen der Motive 1 und 2 gleichsam aus dem das Vorspiel beherrschende Terzmotiv g-b bzw. g-h eine Quinte, die in der Fuge eine wichtige Rolle spielt. 3. Analyse und Interpretation.
Ferner aus der 2. Choralzeile, was allerdings auch als eine Umkehrung des Motivs a zu verstehen wäre:
Die große Form des Vorspiels ist dreiteilig. Der dritte Teil wird, wie auch der dritte Teil des ganzen Werkes, mit einer Art Kadenz eingeleitet, welche ein pp-Nachklang des emotionsvollen zweiten Teils ist.
Sieht man einmal von den ersten sechs Einleitungstakten ab, erreichen die beiden Rahmenteile gerade - und auch nur an wenigen Stellen - die dynamische Stufe eines Mezzoforte. So schafft Busoni eine
mysthisch-weihevolle Stimmung als Einleitung zu den drei Fugen. A T 1-6: Das Einleitungsmotiv erscheint zuerst in g-moll, bleibt auf einem langen Orgelpunkt d stehen, variiert dann in T 7-13 in f-moll, wobei die linke Hand komplementärrhythmisch in des-moll imitiert, bis ein pp-Klanggebilde aus d-moll-Dur entsteht; das auf einem D-dur-Sextakkord endet. Schon diese wenigen Takte lassen sich mit der traditionellen Harmonielehre nicht mehr analysieren. Die Lösung dieses Problems finden wir in Busonis "Ästhetik". "Seltsam, daß man Dur und Moll als Gegensätze empfindet. .. . Der Übergang vom einen zum zweiten ist unmerklich und mühelos - geschieht er oft und rasch, so beginnen die beiden unerkenntlich ineinander zu verflimmern." (S. 37) B T 14-17: Unter der Vortragsanweisung "pauroso" (ängstlich) taucht Motiv a2 begleitet von einer chromatischen Bewegung der linken Hand auf. Bei gleichbleibender Begleitstimme wird in T 18-21 das Choralthema mit Motiv a4 ("un po'piu Fermo") eingeleitet. Die ersten beiden Choralzeilen erscheinen dann in T 22-35 wobei Busoni das Thema nicht in der Originalgestalt, sondern in variierter Form verwendet.
Während die enharmonische Verwechslung des Leittons gis in der melodischen Gestalt nicht ins Gewicht fällt, hat doch der zu dis alterierte, und dadurch zu e leittönig gewordene 3. Ton des Themas
größere Bedeutung. So harmonisiert auch Busoni, betrachtet man die Choralakkorde einmal unabhängig von den restlichen Stimmen sehr ungewöhnlich: punkte der chromatischen Begleitstimme der Takte 14-21 ankündigt (wie bei Stravinsky handelt es sich auch um zwei im Tritonus-Abstand entfernt liegende Tonarten), und sich aufgrund einer Akkordrückung in T 31-35 zugunsten von Es-dur löst, kann nicht als das Zusammentreffen zweier gleichwertiger Tonarten gewertet werden. Ganz im traditionellen Sinn bestätigt Busoni dieses Es-dur in T 36-41 (Motiv a4). In T 42-51 wiederholt Busonis in verkürzter und variierter Form die Teile A und B, um in T 52-65 ein zweitesmal die Choralzeilen erscheinen zu lassen. Wie beim ersten Mal verwendet er drei Klangschichten, wobei diesmal die Hauptstimme in der Mitte über dem Orgelpunkt as/gis liegt. Die Oberstimme bildet ein zwei Oktaven über dem Thema liegendes Tremolo, welches zumeist diese imitiert, aber auch das Terzmotiv des II. Teils ankündigt (T 56). Die T 66-74 entsprechen in ihrer Funktion und Motivik den T 36-41. As-dur wird bestätigt und in äußerst knapper Weise nach G-dur moduliert. Die T 75-78: bilden die Überleitung zum zweiten Teil (Motiv a5). II. Teil: C T 79-90:Busoni trübt das Motiv a5, indem er es nach Moll führt, um es aber gleich darauf in seiner erweiterten Form a6 wieder in Dur erscheinen zu lassen (Motiv a6). Auf diese Weise angekündigt
erklingt nun eine Variation der ersten Choralzeile, wobei Motiv a allerdings nicht den Umfang einer reinen, sondern einer übermäßigen Quinte einnimmt, was dem Umfang des Motivs a4 entspricht. Im
folgenden spaltet Busoni Motiv b1 ab und entwickelt es zu b2, welches wiederum eine übermäßige Quinte umfaßt. T 90-102 obige Cantilene, zur Klangmelodie ausgeweitet, wiederholt, kündigen Begleitungsachtel, die sich zu staccato-Oktaven entwickeln, eine dramatische Verdichtung an. In T 102-113 erscheint, durch ein zweimaliges variiertes Motiv a6 angekündigt, nun das Choralthema in stark variierter Form in a-moll. Auch diesmal finden sich die drei Klangschichten. Wie in T 52-65 liegt die
Melodie in der Mitte. Im Gegensatz zu den beiden ersten Erscheinungsformen ist sie diesmal einstimmig. Zusammen mit der Vortragsbezeichnung "declamato forte" ergibt sich so ein völlig anderer Charakter.
War zuvor die Wirkung dieses Themas eine schwebende, "überirdische", so ist es nun eine rein materielle, bodenständige. Durch die scharfe Rhythmisierung und chromatische Durchsetzung erhält das
Thema etwas Lebendiges, menschlich Dramatisches. Es spinnt sich fort mit einer chromatischen Variation des Motivs, welches den ersten Choral eingeleitet hatte (Motiv a3). Ober- und Unterstimme
ergeben zusammen eine durchgehende Achteltriolen-Bewegung, welche die Dramatisierung der Melodie unterstützt. Das Fundament bilden weiterhin die Baßoktaven. Im oberen System entwickeln sich
vierstimmige Akkorde zu dem ab Takt 107 erscheinenden Einleitungsmotiv a1. Die letzten beiden Töne, die ja auch schon in T 22-41 den Orgelpunkt bildeten, spinnen sich chromatisch fort, wobei dem
auftaktigen Viertel in moll dessen Dur-Variante auf dem Schwerpunkt folgt. T 113-123:Die Motiv a1 entnommene Oktave dissoniert zur kleinen None. Zusammen mit den Ostinato-Oktaven des Basses ergibt sich ein an Jazz-Harmonik erinnernder c-moll-Septakkord mit tiefalterierter Quinte. Der Abschnitt von T 102 bis 119 weist bedeutende Abweichungen gegenüber der ersten Fassung in den Elegien auf. So entfällt in den Elegien das Choralzitat in a-moll, ferner ist die Stelle mit 31 Takten Umfang fast doppelt so lang. Als Gründe für eine solche Änderung kommen folgende zwei Punkte in Frage: 1. Busoni deutet motivische oder formale Elemente der nachfolgenden Fugen an, verändert also im Sinne der Gesamtkonzeption, oder 2. Busoni empfindet im Rahmen der Konzeption des Vorspiels, also auch der Elegie, die ursprüngliche Fassung als zu wenig dicht und komprimiert somit den Gedanken, um eine größere dramatische Wirkung zu erreichen. Während Busoni in der weitaus umfangreicheren Fassung dieses Vorspiels in der Ausgabe für zwei Klaviere häufig das b-a-c-h-Thema der 3. Fuge zitiert, findet sich in der vorliegenden Partitur keinerlei
Hinweis darauf. Es läßt sich lediglich behaupten, die chromatisch angeordneten Töne des Signalmotivs a4 (einschließlich des letzten Tones des Choralthemas) in T 108-111 seien ein Verweis auf b-a-c-h, da
gerade diese Töne der chromatischen Scala verwendet würden (-Es gäbe immerhin 11 andere 4er Gruppen.-). Diese These wird unterstützt von der Tatsache, daß Busoni in der Fassung für zwei Klaviere
an eben dieser Stelle b-a-c-h, allerdings transponiert nach as-g-b-a, einkomponiert. Da aber Busoni, wie sich bei der Betrachtung der Fugen zeigen wird, immer eindeutig auf b-a-c-h hinweist, ist diese
Interpretation des Notentextes mit Vorsicht zu genießen. III. Teil: T 124-131:Es wurde schon oben angedeutet, daß der dritte Teil mit einer Art Kadenz aus übereinandergeschichteten Terzen beginnt. Wie auch später bei der Überleitung zur 4. Fuge zu zeigen ist, hat die Kadenz bei Busoni nicht nur die Funktion der Reflektion des Vorhergehenden und dieses Abschliessenden, sondern sie bildet gleichermaßen die Grundlage für das Nachfolgende. So tritt in T 132-142 zwischen einem Orgelpunkt b und den Terzarpeggien folgende Akkordkette heraus:
H. Meyer analysiert diese Stelle als "Verschlüsselung des Motivs a1". Ich kann dieser Interpretation nicht folgen und schlage dafür die eingezeichnete Lösung vor, welche meiner Meinung nach natürlicher ist. Nach drei Überleitungstakten, T 143-145 gruppieren sich die Töne des Arpeggios in T 146-162 neu aus den Bestandteilen des F-dur Dreiklangs und des dazugehörigen Dominantseptnonakkords. Aus diesem Klangteppich heraus tritt die variierte Cantilene der 3.
Choralzeile, wohingegen die sich anschließende 4. als Choral ausgesetzt ist. Bei der Wiederholung, einen Ganzton höher, erscheint die 3. Zeile als Klangmelodie, wohingegen die Beantwortung durch die 4
. im Satz entsprechend ist. Dieses ganze Thema ist von einer für Busoni'sche Verhältnisse seltenen Schlichtheit. Zum ersten Mal finden wir bei einem Choralzitat nicht drei Klangschichten, sondern zwei,
beziehungsweise in der Beantwortung nur eine. T 163-183 zerstört diesen Anschein durch eine zum Teil auf G-dur zum Teil auf g-moll basierenden Baßbewegung ("tempestoso"), über welcher das Terzmotiv a6 wiederholt erscheint. Dieses Auflehnen
wird zweimal durch die Versöhnungsversuche eines Sostenuto, bestehend aus dem Themenkopf a, unterbrochen. Ohne Erfolg, wie es scheint; denn in T 179/181 finden wir die ersten wirklichen bitonalen
Elemente dieses Stückes in der Überlagerung von G-dur bzw. -moll und H-moll-dur. Erst im Nachvibrieren des T 183 löst sich das Klanggebilde in G-dur auf. Da sich diese Auflösung aufgrund
eines Pedaleffektes einstellt, ist diese Stelle ein weiteres Beispiel für die "Immaterialität" Busonis Klaviersatzes. 2.2.2. Die Überleitung 22) Edward J. Dent - Ferruccio Busoni - A biography, Oxford 1966, S. 343/344 23) Es ist verwunderlich, daß eine solche Titeländerung, nicht einmal die Veränderung von Vortragsanweisungen wie "pauroso" (ängstlich), "implorando" (flehend) oder "ansioso" (begierig), die doch sicherlich nicht einem Huldigungsgesang entsprechen, mit sich führt. 24) s. H. Meyer, S. 187 |